Category: Gesichter

  • „Ein Verfechter der gepflegten Debattierkunst“ – Nachrufe auf Theo Sommer

    „Ein Verfechter der gepflegten Debattierkunst“ – Nachrufe auf Theo Sommer

    Am 22. August 2022 ist mit Theo Sommer nicht nur einer der prägendsten Journalisten Deutschlands, sondern zugleich einer der ersten und größten Förderer des deutschsprachigen Debattierens verstorben. So war es maßgeblich seine Fürsprache, die 2001 die ZEIT und im Folgenden die ZEIT-Stiftung überzeugten, die ZEIT DEBATTEN Turnierserie (heute Campus-Debatten) als Hauptförderer zu unterstützen. Auch im Anschluss war er dem Debattieren eng verbunden: Als erstes Ehrenmitglied der Deutschen Debattiergesellschaft, Ehrengast auf zahlreichen Turnieren und nicht zuletzt durch seinen Sohn Daniel, der jahrelang in Heidelberg selbst als Debattierer aktiv war.

    Der Verband der Debattierclubs an Hochschulen e.V. und die Deutsche Debattiergesellschaft e.V. verneigen sich vor einer großen Persönlichkeit und haben ein paar Erinnerungen zusammengetragen.

    „Warum debattieren wir für ein Jahr auf allen Turnieren nicht ein einziges Thema? Daran hatten wir nicht gedacht. Wir waren auf viele Fragen vorbereitet: Warum wünschen wir uns DIE ZEIT als Partner? Was darf der Verlag als Marketing-Mehrwert erwarten? Wie setzt sich das Budget zusammen? Aber die Frage von Theo Sommer kam unerwartet.

    Er kannte das Debattieren aus Amerika, entweder vom Manchester College in Indiana, oder von der University of Chicago. Schon in den fünfziger Jahren studierte er global, in den USA, in Schweden, in Deutschland, nach der Promotion noch in England. Er kannte Debattieren als Sport und seine Stimme hatte bei der ZEIT Gewicht: Er war ihr Chefredakteur, ihr Mitherausgeber. Jetzt, 2001, trug er den Ehrentitel “Editor at Large”, über den er sich bei vielen Gelegenheiten lustig machte, z.B. im Grußwort bei einem Finale der Meisterschaft im deutschsprachigen Debattieren.

    Jetzt tauschte er mit ein paar Studenten Erfahrungen zum Debattieren aus, und die Leitung des Hauses, darunter der Verlagschef und der Marketingleiter, war interessiert. Eine Stunde später unweit des Verlagshauses an der Alster waren wir Studenten uns so sicher, dass uns seine Fürsprache geholfen hat, einen Vertrag mit der ZEIT zu schließen, dass wir ihm Jahre später die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Debattiergesellschaft angetragen haben, die er gerne angenommen hat.

    Er blieb für uns Debattiergemeinde erreichbar: Kein Brief blieb unbeantwortet, und er besuchte Veranstaltungen. Ich habe ihn einmal zufällig bei einer Veranstaltung getroffen, die mit Debattieren nichts zu tun hatte, und gleich den nächsten Besuch einer Finalveranstaltung vereinbart. Das sportliche Debattieren an Hochschulen verliert einen Fürsprecher, einen Förderer, einen Freund. Wir könnten ihm zu Ehren in allen deutschsprachigen Debattierclubs zumindest eine Woche lang alle dasselbe Thema debattieren. Ich bin sicher, es hätte ihm gefallen.“

    Christian Blum
    Erster Präsident des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH)

    „Mit dem Tod von Theo Sommer verliert die Deutsche Debattiergesellschaft einen wichtigen Freund und Förderer. Von Anfang an unterstützte er uns in unserem Vorhaben, an den deutschen Universitäten die Kultur des Debattierens zu etablieren, empfing uns nach der 1. Deutschen Meisterschaft mit offenen Armen in den Räumen der ZEIT in Hamburg, um mit deren finanzieller Unterstützung das Debattierprojekt über Jahre zu sichern.

    Mit Freude nahm er die 1. Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Debattiergesellschaft an: „ Nichts fehlt unserem Lande so sehr wie eine gepflegte Debattierkunst. Sie allein jedoch verschafft einem Gemeinwesen Frische, Farbe und Lebendigkeit.“

    Wir werden seinen zupackenden Optimismus, seine herzliche Hilfsbereitschaft und mitmenschliche Offenheit vermissen. In Dankbarkeit denken wir an ihn und werden in seinem Sinn weiterarbeiten.“

    Dr. Kai Monheim
    Mitgründer des VDCH und Gründungspräsident der Deutschen Debattiergesellschaft(DDG)

    „Bemerkenswert und für ein Mitglied der schreibenden Zunft durchaus nicht selbstverständlich war Theo Sommers Lust am gesprochenen Wort und der unmittelbaren argumentativen Auseinandersetzung, mit anderen Worten: der Debatte. Er fand Debatte nicht nur für die demokratische Meinungsbildung entscheidend; er hatte sichtlich großen Spaß daran, Argumente robust auszutragen, auch wenn es vielleicht an Grenzen ging. 

    Meine stärkste Erinnerung an Theo Sommer stammt aus dem Finale der 2. Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft in Dresden, im Sommer 2002 – damals bereits als Teil der ZEIT Debatten.  Es war brütend heiß gewesen, die Debatten mindestens hitzig, und irgendwie hatten Kai Monheim und ich es ins Finale geschafft und durften jetzt im Landtag des Freistaates Sachsen vom Redner:innenpult aus sprechen. Damals hat mich das ganz schön beeindruckt. Noch beeindruckender: Theo Sommer, der Herausgeber der ZEIT,  saß als Ehrengast in der ersten Reihe des Plenums.

    Das Thema der Debatte war im damals üblichen Stil “Niemand hat ein Recht auf Herkunft”, und ich war jung und dumm genug, aus dem Nachnamen des Münchner Debattierers Stefan Marx einen “neuen Marxismus” zu konstruieren, weil er in der Opposition für Eigentum und Erbschaft einstand. Zum Glück habe ich damit nicht gewonnen; aber Theo Sommer tat mir den Gefallen, sich von Herzen über das Wortspiel scheckig zu lachen. Lauthals, ganz frei, mitten im hochherrschaftlichen Landtag, weil ihm offenbar der Scherz gefallen hatte.

    Denn auch das hat Theo Sommer ausgemacht: Bei aller Ernsthaftigkeit in der Sache den ganzen Zirkus nicht immer ganz ernst zu nehmen. Für mich ist das eine bleibende Richtschnur geworden. Von Namenswitzen habe ich seitdem Abstand genommen, aber die Freiheit, auch mal laut zu lachen, habe ich von Theo Sommer übernommen.“

    Jens Henning Fischer
    Präsident der Deutschen Debattiergesellschaft

    „Meine Erinnerung an Theo Sommer, den großen Freund und Förderer des Debattierens, ist untrennbar verbunden mit der Deutschen Debattiermeisterschaft 2003 in Tübingen. Das Finale der Meisterschaft fand im prachtvollen Refektorium des Klosters Bebenhausen statt. Teil des Programms der Finalveranstaltung war eine „Showdebatte“, bei der zwei Debattierer gegen ein Team aus zwei Prominenten antreten sollten. Gemeinsam mit dem Berliner Kai Monheim durfte ich dabei die rhetorischen Klingen mit Theo Sommer und Heiner Geißler kreuzen. Es ging um die Frage, ob sich die Europäische Union eine Verfassung geben sollte. Theo Sommer forderte mit Verve, die EU müsse zum großen Sprung nach vorn ansetzen. Heiner Geißler blieb skeptischer und verglich die EU mit einem behäbigen Elefanten. Da mir die Argumente ausgingen, versuchte ich einen Befreiungsschlag, indem ich die beiden sprachlichen Bilder kombinierte: „Was geschieht, wenn ein Elefant zum großen Sprung ansetzt? Er wird straucheln und sich den Rüssel verstauchen.“ Das Publikum tobte und Theo Sommer lächelte. Nach der Debatte kam er zu mir mit den Worten: „Beim nächsten Mal sind Sie mein Teampartner.“ Gerne hätte ich noch einmal mit Theo Sommer debattiert.“

    Prof. Dr. Christoph Busch
    ehem. Präsident der Deutschen Debattiergesellschaft (2004-2005)

    „Als wäre es gestern gewesen: Ich erinnere mich noch genau an dieses laute herzliche Lachen der beiden Großmeister der Argumente und Rhetorik: Heiner Geißler und Theo Sommer.

    Es war die Finalveranstaltung der Deutschen Debattiermeisterschaft 2003 in Tübingen. Wir hatten uns zuvor im Team (alle drei Anfang 20) in zahlreichen Debatten über drei Tage bis ins Finale debattiert und konnten Deutsche Meister werden. Unglaublich, waren wir doch eigentlich als Underdogs gestartet. Nach unseren Finalreden – während die Jury tagte und unsere Aufregung in unermessliche Höhen stieg – debattierten dann genau dort, wo wir gerade zuvor geredet hatten, Theo Sommer und Heiner Geißler. Diese zwei großartigen, beeindruckenden, charismatischen Redner sprachen in einer Showdebatte darüber, ob sich die EU eine Verfassung geben sollte.

    Mit viel Enthusiasmus und bewundernswerter Präzision legten sie aus dem Stegreif ihre Argumente dar, verbunden mit viel Humor und vor allem Spaß am verbalen Wettstreit. Diese Debatte und das darin gezeichnete Bild des „Elefanten, der sich den Rüssel verstaucht“, war das eigentliche Highlight der DM. Und das Lachen des Saals und der beiden prominenten Redner löste alle Spannung auf. 

    Nach der Debatte kam Theo Sommer dann zu mir, gratulierte zum Meistertitel und sagte, dass man in Hamburg bei der ZEIT immer Leute braucht, die Spaß am Argumentieren haben. Und auch wenn ich später nicht in den Journalismus gegangen bin, bin ich heute doch im Management der ZEIT und habe ihn die letzten Jahre noch oft bei uns im Pressehaus und auf Veranstaltungen getroffen.  Immer wieder haben wir dabei über das Debattieren gesprochen und darüber, wie wichtig es gerade heute ist, das beste Argument zu finden und im Austausch zu bleiben. Dem Debattieren blieb er immer verbunden.“

    Dr. Hanna Proner
    ehem. VDCH Vizepräsidentin und Deutsche Debattiermeisterin 2003

    „In seinen Grußworten bei Finalveranstaltungen berichtete Theo Sommer immer wieder gern von seinen ersten Begegnungen mit dem Hochschuldebattieren in den 1950er Jahren in den USA. Fast nie unerwähnt blieb das Thema der ersten Debatte (oder einer der ersten größeren Debatten), der er seinerzeit beiwohnte: You can’t double cross Germany. Auf manche wirkte das anfangs vielleicht so, als habe er lediglich sein Grußwort recycelt. Doch wer bemerkte, wie innerlich bewegt Theo Sommer davon erzählte – so  als ob er die Debatte gleich noch einmal führen wollte –, erkannte, welche Leidenschaft er für das Wettkampfdebattieren hegte. In der Showdebatte am Rande des Finals der Deutschen Meisterschaft in Tübingen 2003 etwa ließ er dieser Leidenschaft beherzt freien Lauf. Und viele langgediente Debattiererinnen und Debattierer wissen mittlerweile aus eigener Erfahrung, dass es alles andere als ungewöhnlich ist, sich noch Jahrzehnte später an einzelne Themen und Debatten zu erinnern und davon zu erzählen.“

    Dr. Bernd Hoefer
    Mitglied des ersten VDCH Vorstands

    „2004 hat der Debattierclub Bonn die deutschsprachige Debattiermeisterschaft ausgetragen. Für das Finale hatten wir einen besonderen Ort gefunden: das alte Wasserwerk mitten im ehemaligen Bonner Regierungsviertel. 

    Mir hatte man die Moderation anvertraut, und ich war sehr aufgeregt. Das Publikum hatte im Pumpenhaus Platz genommen. Hier hatte der deutsche Bundestag von 1986 bis 1993 getagt, das Hochschuldebattieren war in der Herzkammer der Bonner Republik angekommen, und es war jetzt meine Verantwortung, das Debattieren überzeugend zu präsentieren.

    Meine Aufregung war nicht zuletzt darin begründet, dass mir direkt gegenüber Theo Sommer saß, dieser Titan des deutschen Journalismus. Und er guckte ständig zu mir rüber, der große Theo Sommer. Das lag natürlich auch daran, dass er gleich das Grußwort halten sollte, aber mich hat es schon irritiert.

    Als ich ihn also angekündigt hatte, und er sich erhob und zum Rednerpult ging, kam er in meiner Nähe vorbei. Und ohne dass das Publikum es bemerkt hätte, raunzte er mir unter Bezug auf meinen damaligen Nachnamen zu: “Gut gebrüllt, Löwe.”

    Er kannte mich bis dahin nicht, und irgendwie bin ich bis heute stolz darauf. Und es zeigt, was für ein Mensch Theo Sommer war: Er war aufmerksam, spontan, gewitzt und zugewandt. Ohne ihn hätte es das Hochschuldebattieren so nicht gegeben; hoffentlich finden sich auch in Zukunft Menschen wie ihn, die das Debattieren weitertragen. Ich werde ihn in guter Erinnerung behalten.“

    Isabelle Fischer (geb. Loewe)
    ehem. VDCH Präsidentin

    „Theo Sommer war ein intellektuelles Vorbild für Millionen und zugleich ein toller Typ für alle, die das Glück hatten, ihn persönlich zu erleben. Seneca der Jüngere brauchte 28 Kapitel, um das erfüllte Leben zu beschreiben; im 21. Jahrhundert können wir das kürzer: lebe ein Leben wie Bruce Dickinson oder Theo Sommer! Ich werde ihn herzlich vermissen.“

    Prof. Dr. Michael Hoppmann
    Mitbegründer des Tübinger Debattierclubs Streitkultur e.V.

  • “Ich wäre gerne eine Giraffe” – Nachwuchspreisträgerin Luise Häder

    “Ich wäre gerne eine Giraffe” – Nachwuchspreisträgerin Luise Häder

    Jedes Jahr ist es eine der schönsten Momente der Deutschen Meisterschaft, wenn der Nachwuchspreis vergeben wird und der zugehörige Club jubelt. Auch in diesem Jahr war es ein ganz besonderer Moment. Doch wer ist die diesjährige Preisträgerin Luise Häder? Der Achten Minute gab sie schon ein Interview. Wir haben Luise außerdem gebeten, in unser Poesiealbum zu schreiben. Hier lest ihr das Ergebnis:

    Eintrag ins Poesiealbum

    Mein Name: Luise Häder

    Thore Andiel und Jens Fischer übergeben Luise Häder den Nachwuschspreis. ©Team Pretty Pictures

    So alt bin ich: Ich bin 18 Jahre alt.

    Ich komme aus: Ich komme ursprünglich aus Jena, aber bin dann für mein Studium nach Heidelberg gezogen. (Fun Fact: Damit habe ich den Weg der Frühromantiker nachvollzogen.)

    Meine Rednerposition: Ich habe zuletzt immer die Eins geredet, was wohl auch meine Position bleiben wird. Eigentlich finde ich andere Positionen sehr viel angenehmer (Vorbereitungszeit und so), aber da sich die eins nicht der größten Beliebtheit erfreut, habe ich mich großherziger Weise ihrer angenommen.

    Mein liebstes Teammitglied: Natürlich alle Menschen von der Rederei ❤. Zuletzt habe ich aber immer dann, wenn ich mit Konstantin geredet habe, besonders viel gelernt.

    Mein Debattierseelentier ist: Ich wäre gerne eine Giraffe, weil die ihr Ding durchziehen.

    Dadrin bin ich Experte: In den Umzugswegen der Frühromantiker. Generell in der Literatur der Romantik und dem, was Marcel Reich-Ranicki dazu sagt.

    Das ist total doof: Wenn jemand sagt, ich wäre ein Basic White Girl, nur weil ich gerne Taylor Swift höre.

    Das sammel ich: Schlechte Punktzahlen in Freien Reden.

    Mein Ziel im Debattieren: Endlich mal jurieren, besser werden, mich in der Szene zu engagieren und nie den Spaß an der Sache zu verlieren. ?

    Das sagen die Anderen

    Jetzt kann man viel über sich selber sagen, aber was sagen andere über Luise? Wir haben ihren Teampartner Konstantin Krüger gefragt, wer Luise aus seiner Sicht ist. Und das war seine Antwort:

    Luise Häder und Konstantin Krüger auf der DDM in Heidelberg ©Rederei Heidelberg

    “Ich habe selten eine Person getroffen, die mit so einer schnellen Auffassungsgabe und einem natürlichen Gefühl für das richtige Maß an Analyse in das Debattieren gestartet ist. Dabei hat sie gleichzeitig soviel Motivation, dabei zu bleiben, sich zu verbessern, in ihrem ersten Jahr eine DDM mitzuorganisieren und sich danach auf einen Clubvorstandsposten zu bewerben. Sie zeigt außerdem soviel Fähigkeit zur Reflektion ihrer Leistung und soviel Spaß nicht nur am Debattiersport, sondern auch an den Menschen in der Szene, dass ich mir sehr sicher bin, dass sie lange dabei sein wird und ich freudig dabei zuschauen werde, wie sie mich und andere Debattierende, die schon länger dabei sind, im Tab überholt.”

  • Wer ist eigentlich… Elisabeth Vikydal?

    Wer ist eigentlich… Elisabeth Vikydal?

    Die DDG bekommt stätig neue Mitglieder. Doch wer sind diese „Neuen“ eigentlich? Was bewegt sie und wie stellen sie sich ihre Zukunft vor? Um diesen Fragen auf die Spur zu kommen, haben wir mit Elisabeth Vikydal gesprochen. Sie ist Ende Oktober 2018 Mitglied geworden und war auch schon auf dem Wiener After Work zum 15. DDG Geburtstag und auf dem DDG Netzwerktag.

    Elisabeth wird von allen nur Elli genannt, man hört sie meist vom weiten laut lachen und ihr österreichischer Akzent ist unverwechselbar. Sie ist aktiv im DK Wien, gibt Schülern in ihrer Freizeit Debattiertrainings und studiert Kunstgeschichte.

    Netzwerkreporter: Warum hast du dich für Kunstgeschichte als Studium entschieden?

    Elli: Nachdem ich die Matura gemacht habe, das ist österreichisch für Abitur, war ich ein halbes Jahr in Rom Au Pair und habe Freunde kennengelernt. Einige davon waren Kunsthistoriker und ich war sehr viel im Museum in Rom. Dort ist die Kunst unglaublich vielschichtig. Das hat mich begeistert, und ich habe mich für dieses Studium entschieden.

    Elisabeth bei einer Showdebatte im vergangenen Jahr im Haus der Baker McKenzie Kanzlei in Wien

    Netzwerkreporter: Wie sehr geht dir die Frage: „Was willst du damit machen?“ auf die Nerven?

    Elli: Oh Gott, die geht mir richtig auf die Nerven. Weil ich keine Antwort dafür habe. Im Endeffekt ist meine Antwort: Ich werde mit dem nichts machen. Weil ich nicht im Kunstbereich arbeiten will. Ich habe im Debattieren mehr fürs Leben und mehr umsetzbare Fähigkeiten für die Arbeitswelt als an der Uni gelernt. Meine Eltern fragen mich auch immer was ich werden will. Das ist eine schwere Frage. Zurzeit unterrichte ich Schüler und Schülerinnen im Debattieren. Es ist spannend, mit den Lehrern und Schülern zu arbeiten. Träger des Projekts ist die Arbeiterkammer Wien. Diese Arbeit macht mir wirklich viel Spaß und ich könnte sie mir auch längerfristig vorstellen.

    Netzwerkreporter: Bist du jemand, der primär von Spaß getrieben ist und ihm folgt, oder hast du klare Ziele im Leben?

    Elli: Mir sind Leute suspekt, die mit 10 Jahren schon wissen, was sie tun wollen. Die ganz sicher sagen: “Ich wohne dann in der Straße meiner Mutter, habe den einen Job und wenn das dann nichts wird, bricht die Welt zusammen.” Ich bin mehr jemand, der sieht, wo das Leben mich hinführt. Es ist für mich nur wichtig, dass ich nicht gelangweilt bin und Herausforderung habe. 

    Netzwerkreporter: Was war die letzte Herausforderung für dich?

    Elli: Ich habe für die Uni eine literaturwissenschaftliche Hausarbeit geschrieben, da habe ich mich lange vor gedrückt, weil ich dachte, ich schaffe das nicht. Ich hatte in der Schule Probleme mit meiner Deutschlehrerin und daher eine ziemliche Blockade. Aber am Ende habe ich ein „Sehr Gut“ bekommen. Das war ein schönes Erlebnis, weil ich gedacht habe, nur weil dir jemand in der Vergangenheit gesagt hat, wie inkompetent du bist, bedeutet es irgendwann nichts mehr. Nur weil dich Hater runter machen – um es neumodisch auszudrücken –, heißt das nicht, dass es stimmt. Ich glaube, ich habe auch gelernt, an mich selbst zu glauben und diesen Glauben aus vielen Situationen zu nehmen. Wir organisieren gerade die Campus-Debatte in Wien und ich bin nun zum ersten Mal in der Position, Wissen weiter zu geben, z.B. zur Organisation und Social Media. DAs ist ein Neues, aber großartiges Gefühl: Experte zu sein und zu wissen, dass man Wissen weitergibt.

    Netzwerkreporter: Motiviert es dich, Dinge weiter zu geben?

    Elli: Also ich könnte kein Streetworker sein, das würde mich runterziehen. In sozialen Berufen brauchst du eine dicke Haut, damit dir vieles nicht nahe geht. Das habe ich nicht. Aber ich finde es toll, mit Menschen zu arbeiten und soziale Dinge zu machen. Administrative Arbeit wäre nichts für mich.

    Netzwerkreporter: Stell dir vor, ein Alien nimmt aus der Ferne zu dir Kontakt auf, und er wünscht sich, dass du dich beschreibst. Was wäre diese Beschreibung?

    Elli: Du stellst Fragen! Mein Charakter ist liebevoll und nicht misstrauisch, ich bin schlagfertig und kann mal einen wilden Spruch raushauen. Ich finde es schwer, mich selbst als intelligent zu Bezeichnen. Ich glaube, das ist so eine Frauenkrankheit. Ein Mann hätte kein Problem, das von sich zu geben. Wissbegierig bin ich, das kann ich sagen. Ich bin ziemlich wissbegierig und kann mich mit einem einzigen Thema tagelang beschäftigen.

    Netzwerkreporter: In welches Thema hast du dich zuletzt hineingestürzt?

    Elli: Jetzt gerade habe ich Wiedererzählungen von griechischen Mythen. Zum Beispiel „Das Lied von Achilles“ von Madeline Miller. Sie erzählt die Geschichte von Patroklos und Achilles, die beste Freunde in der Ilias waren. Aber in ihrer Wiedererzählung sind sie Geliebte. Das Buch erzählt die Geschichte der Ilias aus der Sicht des Liebespaares wieder. Von der gleichen Autorin gibt es auch das Buch Circe, das das Leben der Nymphe Circe feministisch aufarbeitet. Und dann lese ich alles und schaue alles, was es dazu gibt. Ich habe mir auch die Ilias geholt und stürzte mich in das Thema.

    Netzwerkreporter: Du hast jetzt ein Plakat, auf das du drucken kannst, was du willst und es hinstellen kannst, wo du willst. Was wäre drauf und wo kommt es hin?

    Elli: Ich hasse unsere Regierung. Unsere Version von der AFD hat ja gerade eine Koalition mit unserer Version von der CDU. Sie machen mich wütend. Sie drehen Bildungsreformen zurück und stehlen von den Bedürftigen. Wenn ich so ein Plakat hätte, würde es ein riesiger Mittelfinger sein und ein Spruch wie: „Strache und Kurz Schleichts eich!“

    Das von Elli gewünschte Plakat, gemalt von Jule auf einer virtuellen Betonwand.

    Netzwerkreporter: Wenn du jetzt ein Aufruf starten könntest, um jemanden zu finden, um etwas zu starten, etwas anzufangen, zu bewegen oder zu machen. Was würdest du fragen?

    Elli: Ich habe Angst vor der politischen Lage in Europa und Österreich und mir ist demonstrieren nicht genug. Wenn jemand etwas mit mir gegen den Strom von Rechts tun könnte, das wäre super. Ich weiß selbst nicht wie, eine Idee wäre also toll. Aber dennoch: ich will mitmachen!

  • Was macht eigentlich Samira Khodaei? Leben in der virtuellen Realität! 

    Was macht eigentlich Samira Khodaei? Leben in der virtuellen Realität! 

    DDG-Mitglied Samira Khodaei lebt in München und arbeitet bei der vr-on GmbH im Business Development: Das Startup arbeitet daran, dass sich Mitarbeiter von Unternehmen in der virtuellen Realität zu Meetings treffen können.

    Der DDG-Netzwerkreporter traf sich mit Samira Khodaei noch im schnöden Skype, um etwas zu reden. In Bayern war Schneechaos und Verbindungsprobleme hatten wir auch, die Verbindung brach mehrmals ab. Es ist noch ein langer Weg bis zur perfekten virtuellen Realität. Trotzdem  kam ein schönes Gespräch zustande – Samira vermittelt dir gleich das Gefühl, dass alles gut ist – egal wie gestresst man selbst ist. Sie lacht unglaublich viel und man will ihr einfach zuhören. Wir haben trotzdem mitgeschrieben.

    Netzwerkreporter: Was genau machst du in deinem Job?

    Samira:  Mein Jobtitel lautet “Business Development”. Das ist alles und nichts zwischen Marketing, Vertrieb und technischem Consulting. Mein Unternehmen heißt vr-on. In meinem Studium habe ich mich mit  Informatik und Spiele Programmieren beschäftigt. Ich habe dann die Schwierigkeit gehabt, zwei Mal den Jobeinstieg zu haben.

    Mein erster Versuch lief etwas holprig, weil ich mich damals auf eine technische Stelle beworben habe, man aber eigentlich jemanden im Eventmanagement gesucht hat. Damals habe ich einfach zugesagt und nicht richtig darüber nachgedacht. Nach einem Dreiviertel Jahr habe ich dann festgestellt, dass das einfach nicht das ist, was ich machen möchte. Ich habe mich technisch unterfordert gefühlt. Hinzu kam, dass sich 2016 fast jedes Unternehmen als virtuelle Realität, kurz VR, Unternehmen hingestellt hat. Das war eigentlich genau das, was ich machen wollte, meine Firma bot mir aber trotz Versprechen kaum etwas in diesem Bereich. Also habe ich nach einem Dreiviertel Jahr gedacht: „Fuck it, ich suche mir was Neues, ein Startup.“

    Meine heutigen Chefs bei vr-on machen seit den 1990 Jahren VR, sind quasi VR-Veteranen. Das fand ich attraktiv, ein Startup mit viel Background.

    DD-Mitglied Samira Khodaei (c) Debating Society Paderborn

    Netzwerkreporter: Was genau ist VR? 

    Samira: Virtual Reality – also VR – kam durch die Oculus Rift (ein Head-Mounted Display, also eine schwere Brille, die sich die Nutzer auf den Kopf setzen und in der sie direkt in Bildschirme schauen, Anm. d. Red.) – 2014 richtig groß raus, und es gab einen Hype-Zyklus, so wie aktuell bei Augmented Reality. VR und AR sind Begriffe, die immer wieder auf diesem Hype-Zyklus herumreiten. 

    Schon in den 1960 Jahren und 1990 Jahren gab es solche Hype-Zyklen. Als in den Neunzigern ein Sprung in der Computergrafik kam, konnte man 3D Räume realisieren. Es gab mal die Idee, das ultimative Display zu bauen. Es gab riesige Räume, die mit 3D Beamern ausgestattet waren. Mit 3D Brillen konnte man sich Objekte in 3D anschauen. Diese Räume kosten locker eine halbe Million. In diesen Räumen konnte man aber nur auf eine Person tracken: Nur von einer Person konnten Bewegungen dargestellt werden. Das führte für alle anderen meistens sofort zur Motion Sickness, ihnen wurde also schlecht, weil sie Dinge sahen, die sie selbst nicht ausführten.

    Erst im Jahr 2016 kam Schwung in den Markt durch HMD, also die Head-Mounted Displays. Jetzt besteht erstmals die Möglichkeit, diese Brillen für den Cosumer Market zu nutzen. Die Brillen sind zwar immer noch sehr teuer, aber für KMUS erschwinglich.

    Netzwerkreporter: Für wen ist VR denn jetzt interessant? 

    Samira: Jetzt vor allem für kleine und mittlere Unternehmen. Zum Beispiel Architekturbüros. Die hatten bisher nicht die Kapazität, große 3D Räume zu bauen, im Gegensatz zur Automobilindustrie. Jetzt ist das Spannende, dass man kollaborativ arbeiten kann. Sprich, man kann von verschiedenen Stadtorten gemeinsam an einer Session teilnehmen. Ich habe beispielsweise einen VR-Meetingraum, in dem ich an einem neuen Auto mit Designern, Ingenieuren und allen möglichen Beteiligten gemeinsam arbeiten kann. Alle setzen sich dort, wo sie sind, ihr Headset auf und schauen sich gemeinsam den Datensatz an, machen Änderungen und geben sie frei. Das Produktdatenmanagement speichert und verwaltet die Daten, und damit das Ergebnis der Produktentwicklung und stellt sie in nachgelagerten Phasen des Produktlebenszyklus weiter zur Verfügung.

    Diesen ganzen Prozess betreut vr-on. Wir entwickeln die Software, in der das geht und arbeiten im Bereich Business-to-Business. Gerade zum Beispiel für Architekten ist Bauwerksdatenmodellierung (BIM) wichtig. Also die optimierte Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden und anderen Bauwerken mit Hilfe von Software.

    Netzwerkreporter: Kannst du uns noch ein konkretes Beispiel nennen?

    Samira: Wir haben eine Supermarktkette als Kunden, der seine Stores damit einrichtet. Früher mussten sie für ein neues Ladenkonzept einen Laden in einer Halle komplett und exakt aufbauen, damit der Vorstand durchlaufen konnte. Und das mehrfach, für mehrere Entwürfe. Mit unserer Software können sie sich das sparen. Am Ende läuft man vielleicht noch einmal final durch diesen Laden, aber alle zehn Runden vorher kann der Vorstand in VR machen. Das ist eine wahnsinnige Ersparnis, wenn man den Vorstand nicht zu solchen Abstimmungen einfliegen muss.

    Netzwerkreporter: Vorhin sagtest du, du wolltest unbedingt in den Bereich virtuelle Realität?

    Samira: Ich bin ja vom Fach her Medienwissenschaftlerin. Ich habe mich an der Uni für 360°Filme interessiert. Da kann man eigentlich alles, was man so gelernt hat, erstmal in die Tonne kloppen, weil sehr viele Strategien, Arbeitsweisen, Abläufe komplett aufgebrochen sind. Man kann nicht mehr so viel und so schnell schneiden, wie die Zuschauer es eigentlich von der Sehgewohnheiten her kennen Und man muss die Logistik des Drehs komplett verändern: Wo versteck ich die Leute, die sonst eigentlich hinter der Kamera stehen? Die Filme sind wieder viel näher am Theater.

    Erlebnisse in der VR gehen dann noch einen Schritt weiter: Im 360° Film sehe ich nur zu, ich stehe im Raum wie ein Geist. In der VR kann ich interagieren. Das fand ich super spannend. Als Medienwissenschaftler haben wir unsere primären, sekundären und tertiären Medien und die sind alle schön sortiert und eingeordnet. Wir haben Luhmann, McLuhans und alle möglichen Soziologen und Forscher, die sich zu verschiedenen Medien und ihren Wirkmechanismen geäußert haben. Doch wenn wir in eine virtuelle Welt gehen, was passiert dann dort?

    Ich glaube, es ist wichtig, dass in das VR-Feld nicht nur Leute reingehen, die Sachen bauen, sondern auch Leute, die überlegen, was es bedeutet, wenn man so eine VR aufbaut: Welche Konsequenzen für andere kann das haben? Ich glaube es ist wichtig, dass Geisteswissenschaftler, Soziologen und Medienwissenschaftler in VR reingehen und das auch mitgestalten.

    Netzwerkreporter: Entwickelt sich der Markt wirklich in Richtung virtuelle Realität?

    Samira: Ja, immer mehr Firmen probieren sich damit aus. Sie kaufen sich die Brillen und schauen, wie man sie einsetzen kann.

    Netzwerkreporter: Du hast erzählt, dass du zweimal starten musstest. Bei deinem ersten Arbeitgeber hast du recht schnell gemerkt hast, dass du da nicht hinpasst. Wie schwer ist so eine Entscheidung?

    Samira: Ja, das war nicht der angenehmste Schritt. Aber etwas, was ich echt empfehlen würde. Ich bin eigentlich niemand, der ständig schlecht gelaunt ist oder nur am meckern ist. Aber in diesem Unternehmen war ich das. Ich bin nicht einmal nach Hause gekommen und hatte gute Laune. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich ausgenutzt werde.

    Ich hatte eine klare Vorstellung gehabt, was ich in diesem Unternehmen machen möchte und wo ich hinwill und für mich war dieser Job im Eventmanagement ein Kompromiss. Eigentlich wollte ich ja im technischen Bereich arbeiten. Das hatte ich auch früh gesagt. Ein Gespräch darüber führte aber nur dazu, dass ich quasi 2 Jobs gemacht habe. Das wollte ich langfristig auch nicht. Daher habe ich gekündigt und nach etwas Neuem gesucht. Diesen Schritt kann ich wirklich nur jedem empfehlen: Hinterfragen, wo man hin will. Bringt mich mein aktueller Weg dorthin? Was muss ich dafür ändern? Man muss sich nicht selbst mit dem falschen Job klein machen.

    (c) Samira Kohdaei

    Netzwerkreporter: Stell dir vor, du hättest ein Plakat, auf das du drucken kannst, was du willst. Was wäre da drauf und wo kommt es hin?

    Samira: Ich habe jetzt wieder angefangen zu malen, Acrylfarbe genommen und so ein Krackelmuster da drauf gemacht. Ich habe so eine blaue Wand bei mir zu Hause. Da würde das hinkommen. Das würde ich machen.

    Netzwerkreporter: Wenn du jetzt ein Aufruf starten könntest, um etwas zu starten, etwas anzufangen und zu bewegen. Was würdest du fragen?

    Debatten in 360 ° Videoformat – Ich will wissen, ob das funktionieren würde!

  • Was macht eigentlich… Tanja Hille, 300. Mitglied der DDG?

    Mit Tanja Hille begrüßt die Deutsche Debattiergesellschaft ihr 300. Mitglied. Das haben wir zum Anlass genommen, Tanja ein paar Fragen zu stellen in unserer Reihe “Was macht eigentlich…?”. 

    Tanja Hille bei der Moderation der ZEIT DEBATTE Berlin 2017. (c) Matthias Carcassona

    DDG: Hallo Tanja, wir begrüßen dich ganz herzlich als 300. Mitglied in der DDG. Wann hast du mit dem Debattieren angefangen – und was hat dich damals angezogen?

    Tanja: Ich habe im Herbst 2011 mit dem Debattieren angefangen. Hingegangen zum Debattierclub bin ich damals, weil ich zum Studiumsbeginn neue Leute kennen lernen wollte und Freunde gesucht habe. Geblieben bin ich, weil ich Freunde gefunden habe – und weil ich gemerkt habe, wie schnell man durch regelmäßiges Üben im Reden besser wird.

    DDG: Was machst du jetzt im Moment?

    Tanja: Ich habe gerade meinen Master in Politikwissenschaft beendet und schaue mich um, was ich als nächstes machen möchte. In der Zwischenzeit konzipiere ich gerade mit Christina Dexel eine Seminarreihe „Rhetorik für Frauen“ unter dem Titel „Be Heard“.

    DDG: Was habt ihr mit dieser Reihe vor?

    Tanja: Wir richten uns an junge Frauen, die sich rhetorisch verbessern wollen – unabhängig davon, ob sie in einem Debattierclub sind. Bei unserem letzten Einsteigertraining in der Berlin Debating Union haben wir zum ersten Mal ein Training gezielt für weibliche Neumitglieder angeboten. Dort konnten wir offener und gezielter bestimmte Themen ansprechen: Was macht dich beim Reden unsicher, was führt zu Nervosität, und was sind Bewältigungsstrategien, die helfen mit Unsicherheiten umzugehen und am Rednerpult selbstbewusst zu agieren? Unsere Debattiertrainings sind häufig recht technisch und funktional ausgerichtet, dabei hat Reden ja viel mit Selbstwahrnehmung und mit dem Finden eines persönlichen Redestils zu tun, mit dem man sich wohlfühlt. In einer Gesellschaft in der vermeintliche Redeideale und Vorbilder immer noch männlich geprägt sind, ist das vor allem für Frauen eine große Hürde am Anfang einer Rednerinnenkarriere. Wir haben zu diesem Training so viel gutes Feedback bekommen, dass wir beschlossen haben: Das versuchen wir einmal systematisch.

    DDG: Der niedrige Frauenanteil ist ja für viele Debattierclubs ein Problem, und zwar über die Zeit hinweg recht konstant, das hat die Debattierumfrage 2016 gezeigt. Ist euer Seminar eine Maßnahme, mit der man etwas bewegen kann?

    Tanja: In Berlin haben wir schon viel getan in den letzten Jahren: Wir achten auf gemischte Mentorengruppen, gemischte Referententeams für Seminare, gemischte Teams für die Werbung im Hörsaal, wir nehmen Frauen gezielt mit auf Turniere. Trotzdem haben wir am Ende einen Frauenanteil von etwa einem Drittel. Aus unserer Erfahrung heraus und nach zahlreichen Gesprächen, glauben wir, dass die Redeerfahrungen, die Frauen und Männer in Debattierclubs machen, sich strukturell unterscheiden und das gerade am Anfang. Deshalb lassen sich manche Herausforderungen beim „Reden lernen“ besser unter Frauen adressieren. Das ist sicherlich nicht die einzige Lösung, aber es ist vielleicht ein Baustein unter mehreren.

    DDG: Was hat dich davon überzeugt, in die DDG einzutreten?

    Tanja: Ich möchte weiter mit den Leuten in Kontakt bleiben. Mit meinen engeren Freunden würde ich das sowieso machen, aber ich hoffe, dass es mit der DDG gelingt, auch darüber hinaus mit spannenden Menschen den Kontakt zu halten und voneinander zu lernen. Außerdem möchte ich das Debattieren weiter voranbringen, jetzt nicht mehr ganz so aktiv, sondern eher von außen, z.B. mit unserer Seminarreihe. Auch dazu passt eine DDG-Mitgliedschaft sehr gut.

    DDG: Dann hoffen wir, dass wir deine Erwartungen erfüllen können. Danke dir für das Gespräch!

    Die Fragen stellte Philipp Stiel

  • Unser Nachwuchspreisträger Florian Schneider im Interview

    2016 Florian
    Florian Schneider mit dem Wanderpokal des Nachwuchspreises

    Auf der DDM in Heidelberg verlieh die Deutsche Debattiergesellschaft zum 13. Mal den Nachwuchspreis. Glücklicher Preisträger ist Florian Schneider von der BiTS Debating Society. Für die Achte Minute sprach Anna Markus mit dem frisch gebackenen Preisträger:

    Zunächst noch einmal alles Gute zum Nachwuchspreis!

    Vielen Dank!

    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich, und ich denke, da geht es auch einigen anderen so, dich noch gar nicht richtig in der Debattierszene wahrgenommen hatte, bevor du den Nachwuchspreis gewonnen hast. Auf wie vielen Turnieren warst du bisher?

    Auf einigen. Ich war auf den Europa- und Weltmeisterschaften, ich war auf vielen internationalen Turnieren, aber in der deutschen Szene erst auf ein paar ZEIT DEBATTEN und in Köln. Ich bin noch nicht so bekannt in der Szene, weil wir uns mehr auf das Internationale fokussiert haben.

    Wie bist du denn dazu gekommen zu debattieren?

    Das war eigentlich eher Zufall. Ich bin letzten August mal ins Training gekommen, weil ich an meiner Uni eigentlich nur in den Vorlesungen saß und mir dachte, das reicht mir nicht – ich möchte mich engagieren und dann habe ich den Debattierclub gefunden und schon nach zwei oder drei Trainings hat mich Julian gefragt, ob ich nicht mit auf ein Turnier möchte, nach Rotterdam. Da ging es dann los und seitdem war ich eigentlich jeden Monat auf einem oder zwei Turnieren.

    Julian Vaterrodt scheint so etwas wie dein Mentor zu sein, ist das richtig so?

    Oh ja, auf jeden Fall! Julian musste mich eigentlich von null an erziehen und mir erklären, wie es beim Debattieren eigentlich abgeht und vor allem, was man nicht machen darf, denn vieles, von dem ich intuitiv dachte es wäre richtig, ist beim Debattieren ein No-go. Da bin ich dankbar für, denn er hat mir gezeigt, wie ich Argumente strukturiere und auch wie wir als Team zusammen eine gute Teamline aufbauen. Mittlerweile haben wir da zu einem sehr guten Rhythmus gefunden und der hat uns dann auf den großen Turnieren auch sehr weit gebracht und wir hoffen, das wird noch ein bisschen besser.

    Was habt ihr denn jetzt vor, was sind deine Ziele?

    Also wir wollen auf jeden Fall noch einmal bei den Europameisterschaften in Warschau antreten und hoffentlich noch einmal breaken, daran setzen wir alles. Generell müssen wir die Zeit, die wir noch haben, nutzen. Denn ich bin jetzt mit dem Bachelor fertig geworden und werde die Uni wechseln, aber Julian ist noch da. Von daher können wir nicht mehr lange zusammen antreten.

    Aber du denkst schon, dass du weiter debattieren wirst?

    Auf jeden Fall. Ich habe mich jetzt auch an Unis beworben, wo es große Debattierclubs gibt. An den Unis, wo es keine gibt, habe ich schon angekündigt, dass ich gerne einen gründen würde und die Unis fanden das sehr schön, deswegen denke ich mal, dass – wenn alles glatt läuft – ich auf jeden Fall weitermache.

    Dir steht ja jetzt sogar ein Turnier mehr offen: Du kannst jetzt beim Masters’ Cup teilnehmen. Denkst du, das wirst du tun?

    Ja, der ist im September, das habe ich schon gehört. Ich denke, ich habe da Zeit. Ich wüsste nicht, was mir da im Weg steht also werde ich das machen. Vor allem jetzt, wo ich daran teilnehmen darf als Preisträger. Klar, in der deutschen Szene generell würde ich gerne bleiben. Jetzt wo ich da mal reinkomme und sehe, wie familiär und schön das alles ist, würde ich gerne darin bleiben.

    Würdest du sagen, dass es einen großen Unterschied zwischen der Atmosphäre auf deutschen und internationalen Turnieren gibt?

    Auf jeden Fall, da muss ich voll zustimmen. Vor allem die Art und Weise, wie debattiert wird, ist in Deutschland teilweise sehr leidenschaftlich und OPD-geprägt – sehr stark über den Konflikt zweier Parteien, während das im britischen, also im richtigen Worlds-Style formalisierter ist. Vor allem wenn man noch andere Kulturen dabei hat, hat das auf jeden Fall seine Daseinsberechtigung. Manche Kulturen kennen sich nicht so aus mit der direkten Konfrontation und fühlen sich dann persönlich angegriffen. Deswegen war mein Eindruck, dass vor allem auf den Worlds höflicher geredet wird, während wir uns hier auch leidenschaftlich streiten können. Ich denke auch in BPS-Runden schwappt immer ein bisschen OPD rüber.

    Wie würdest du persönlich dich denn entscheiden – bist du im Herzen eher OPDler oder BPSler?

    (lacht) Da gibt es immer einen Konflikt mit Julian, weil ich denke, ich bin OPDler. Ich denke, das würde ich sehr gut können, aber er meint, ich bin BPSler. Wir werden nächstes Jahr mal sehen, jetzt wo wieder OPD ist, ob ich recht behalte. Finde ich natürlich cool, aber in BPS macht es auch sehr viel Spaß, dass man nur aufgrund von Inhalt gewinnen kann.

    Andere Frage: Was gefällt dir denn am Debattieren besonders gut?

    Vor allem die Art und Weise wie man Probleme angeht. Nach einigen Runden fällt mir auf, dass man auf einmal Seiten von Problemen begreift, die man früher nicht gesehen hat und dann diese Seiten auch groß macht. Wenn man zum Beispiel eine Schließende Opp. ist und man denkt, man hat gar nichts mehr zu sagen, dann fällt einem ein Thema ein, was man noch gar nicht auf dem Schirm hatte und dann macht man das Thema groß. Das finde ich toll – dass man ein Thema erschließen kann und weiß, es gibt immer noch etwas anderes an dem Thema, was man beleuchten kann.

    Denkst du das verändert auch, wie du außerhalb des Debattierens argumentierst?

    Auf jeden Fall! Ich arbeite gerade in einer Beratungsfirma und da geht es auch viel um Präsentationen und darum, wie man für sich selbst argumentieren kann und da hilft dir das Debattieren ungemein. Nicht nur weil man argumentieren und strukturieren lernt, sondern weil man sich vor andere Leute hinstellen muss und selbstbewusst reden muss. Das ist auf jeden Fall ein Skill, der sehr übertragbar ist. Deswegen bin ich umso dankbarer, jetzt hier zu sein.

    Leider seid ihr jetzt nicht ins Halbfinale gebreakt, aber ihr hattet ja trotzdem ein sehr erfolgreiches Turnier. Was hat dir an dieser DDM besonders gut gefallen?

    Ich mochte die Jurierqualität dieses mal. Wir hatten, zum Beispiel mit Lukas Haffert, einige Leute mit dabei die uns wirklich toll juriert h aben. Wir haben tolles Feedback bekommen, an dem wir auch gewachsen sind. Ich mochte natürlich auch die Socials, die waren toll, aber auch einige Motions fand ich klasse. Ich fand, es war alles in allem ein super Turnier und es hat richtig viel Spaß gemacht, hier zu sein.

    Vielen Dank für das Gespräch!

  • DDG-Nachwuchspreisträgerin Sina Strupp im Gespräch mit dem Onlinemagazin Achte Minute

    Sina Strupp (Foto: Till Kroeger)
    Sina Strupp (Foto: Till Kroeger)

    “Wie eine Explosion“ war es für Sina Strupp, als sie im Sommer bei der Deutschen Debattiermeisterschaft (DDM) in Heidelberg mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde. Den Preis verleiht die Deutsche Debattiergesellschaft jährlich an einen jungen Redner oder eine junge Rednerin, die sich bei der DDM als besonders vielversprechend herausgestellt hat.

    Dem Onlinemagazin Achte Minute erzählte sie, wie sie zum Debattieren gekommen ist und welche Redner sie bislang am meisten beeindruckt haben.